Das Recht auf das digitale Vergessen
Datenschützer bemängeln es schon lange: Das Internet in seiner jetzigen Form vergisst nichts! Egal was man wo im Web geschrieben hat, ob in Foren, Blogs oder in einem der zahlreichen sozialen Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder Xing - das einmal geschriebene Wort bleibt auf ewig erhalten. Nicht nur dort, wo man es verfasst hat, sondern auch in den Datenbanken diverser Suchmaschinen und Webarchive. In der Vergangenheit gab es zahlreiche Fälle, in denen unbedarfte Äusserungen einer Person im Netz zu unerfreulichen Konsequenzen im realen Leben geführt haben. So kam es vor, das bei Einstellungsgesprächen Bewerber vom Personalchef mit eigenen Aussagen aus dem Netz konfrontiert wurden, die wenig schmeichelhaft waren. Gleiches gilt für Angestellte und ihre digitalen Aussagen über Chefs oder Unternehmen. Auch politische oder gesellschaftliche Ansichten werden heutzutage allzu sorglos ins Netz gestellt, ohne zu Bedenken, das grade solche Informationen die Erstellung eines detaillierten Persönlichkeitsprofils eines Menschen ermöglichen. Ganz zu schweigen von Bewegungsprotokollen oder Kommunikationsprofilen auch noch nach Jahren oder gar Jahrzehnten.
Bisher gab es für den Internetnutzer nur wenig Möglichkeiten, diesem Problem zu begegnen. Die Anbieter von Kommunikationsplattformen oder Suchmaschinen verweisen gern auf die eigenen AGB´s, die eine dauerhafte Speicherung solcher Daten angeblich legitimieren oder sie schieben technische Probleme vor, die eine Löschung solcher Daten schwierig oder gar unmöglich machen würden. Und selbst wenn solche Daten auf Wunsch in der ursprünglichen Datenbank entfernt werden - Kopien solcher Daten löscht man dadurch nicht. Die digitale Spur ist für versierte Fachleute problemlos weiterhin zu verfolgen.
Wissenschaftler der Universität Washington haben sich dieses Problems angenommen und ein Programm entwickelt, das Webnutzer vor den automatischen Datensammlern schützen soll. "Vanish" (auf deutsch: verschwinden) stellt ein PlugIn für gängige Browser wie Firefox dar und wird als Opensource zum Download angeboten. Im Gegensatz zu herkömmlichen Verschlüsselungstechniken, die auch noch nach langer Zeit mit dem passenden Schlüssel decodiert und Texte damit lesbar gemacht werden können, erweitert "Vanish" die Optionen des Benutzers um ein wesentliches Element: Texte können mit einem digitalen Verfallsdatum versehen werden, die Eingabe eines simplen Datums reicht. Egal ob Posts auf Webseiten, sozialen Netzwerken oder selbst auf der heimischen Festplatte - nach einem vorher definierten Stichtag löschen sich die Daten quasi selbst. Technisch funktioniert das ganze so, das die Originaltexte beim Erstellen verschlüsselt werden. Herkömmliche Kryptosysteme arbeiten ähnlich und senden den passenden Schlüssel an den Verfasser. Doch in diesem Fall bekommt auch der Verfasser selbst keinen eigenen Schlüssel, statt dessen wird dieser fragmentiert und die Einzelteile werden in einem Peer-to-Peer-Netzwerk zufällig auf diverse Rechner verteilt. Durch die Dynamik solcher P2P-Netzwerke verändern sie sich ständig, neue Rechner kommen hinzu, alte verschwinden. Und mit ihnen verschwinden auch die Bestandteile des Schlüssels zu den einzelnen Posts, bis diese nicht mehr lesbar sind.
Für einen flächendeckenden Einsatz im Web müsste "Vanish" allerdings auf beiden Seiten, beim Sender und beim Empfänger installiert sein. Es bleibt abzuwarten, ob soziale Netzwerke oder andere Plattformen sich darauf einlassen, ihr digitales "Kapital" in Form gigantischer Datenbanken einem automatischen Verfall auszusetzen.
Quelle: Vanish Projekt Uni Washington
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